Stadt Sterzing - Historische Gebäude
Zentrum von Handel, Politik und Bürgersinn
Mitten in der heutigen Fußgängerzone erhebt sich das historische Rathaus von Sterzing – eines der bedeutendsten Profangebäude Südtirols und ein eindrucksvolles Zeugnis der reichen Stadtgeschichte. Über Jahrhunderte hinweg war dieses Haus das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zentrum Sterzings.
Im Jahr 1468 kauften Bürgermeister und Rat der Stadt das Gebäude vom Vormund der Gerberischen Kinder. Unter der Leitung des Baumeisters Lienhard Jöchl wurden die Innenräume nach den Plänen des berühmten Hofkünstlers Jörg Kölderer zwischen 1468 und 1473 umgestaltet. Der markante Erker zur Stadtseite wurde im Jahr 1524 vollendet. Gleichzeitig entstanden im Erdgeschoss die Brotbank und auf der Rückseite die Fleischbank – Hinweise darauf, wie eng Handel und Stadtverwaltung damals miteinander verbunden waren.
Sterzing entwickelte sich durch seine Lage an der Brennerroute früh zu einer wohlhabenden Handelsstadt. Kaufleute, Handwerker und Reisende aus Nord und Süd Europas begegneten sich hier. Das Rathaus wurde damit zum sichtbaren Ausdruck des Selbstbewusstseins und Wohlstands der Bürgerstadt.
Die großzügigen Räume des Hauses dienten nicht nur der Verwaltung, sondern waren immer wieder Schauplatz bedeutender historischer Ereignisse. Bereits 1525 trat hier während des Bauernaufstandes ein rasch einberufener Notstandsrat zusammen. Im Laufe der Jahrhunderte fanden im Rathaus mehrere Sitzungen des Tiroler Landtages statt, und zahlreiche Mitglieder des Kaiserhauses wurden hier feierlich empfangen – darunter Kaiser Maximilian, König Philipp von Spanien, Erzherzog Ferdinand, Maria Theresia und Kaiser Josef II.
Besonders eindrucksvoll ist der gewölbte Lichthof im ersten und zweiten Stockwerk. Seine schlichte, zugleich großzügige Architektur vermittelt bis heute den Charakter eines repräsentativen Bürgerhauses der Spätgotik. Schlanke Säulen aus Ratschinger Marmor tragen die umlaufende Galerie mit ihren Kreuzblumen und Maßwerkformen. Durch die hohen Fenster fällt das Licht weich in den Innenhof und unterstreicht die ruhige Eleganz des Raumes.
Von hier gelangt man in die historische gotische Ratsstube – den bedeutendsten Raum des Hauses. Die kunstvoll vertäfelten Wände, die umlaufenden Sitzbänke, die schweren Holzbalken der Decke und die originalen Butzenscheiben schaffen bis heute eine eindrucksvolle Atmosphäre. Die große Kachelofenanlage aus der Zeit um 1600 war einst die einzige Möglichkeit, den Saal zu beheizen.
Ein besonderer Kunstschatz der Ratsstube ist das berühmte Lüsterweibchen aus dem Jahr 1525. Die geschnitzte Halbfigur der Lukretia trägt in der linken Hand einen Leuchter, während sie mit der rechten einen Dolch gegen ihre Brust richtet. Der Entwurf stammt von Jörg Kölderer, dem Hofmaler Kaiser Maximilians I. Als künstlerische Vorlage diente vermutlich eine Darstellung Albrecht Dürers aus dessen Werk „Der Triumph Kaiser Maximilians“. Die meisterhaft geschnitzte Figur zählt heute zu den bedeutendsten spätgotischen Kunstwerken Sterzings.
Auch zahlreiche historische Kunstwerke erinnern im Rathaus an die bedeutenden Familien und die bewegte Vergangenheit der Stadt: kunstvolle Epitaphe Sterzinger Patrizierfamilien, reich verzierte Schränke des 17. Jahrhunderts, Wappen, Gemälde sowie Darstellungen Tiroler Herrscher schmücken die Räume und Galerien.
Bis heute erfüllt das Rathaus seine ursprüngliche Aufgabe: Im historischen Ratssaal tagt weiterhin der Gemeinderat der Stadt Sterzing. Damit verbindet dieses Gebäude auf einzigartige Weise Vergangenheit und Gegenwart – als lebendiger Ort der Stadtgeschichte im Herzen Sterzings.